Presse 2020 (WAZ)

Parkplätze für die letzte Ruhe


Dieter Klein aus Troisdorf hält den morbiden Charme automobilen Verfalls in fotografischen Stillleben fest, die ihresgleichen suchen

Von Gerd Heidecke, Essen. WAZ, 7.6.2020

Der Schrottplatz selbst gehört zum alten Eisen, ein Fossil der Industriegeschichte kurz vor dem Aussterben. Längst landen ausgediente Autos im Recyclingzentrum, um umweltgerecht filetiert und nüchtern „entsorgt“ zu werden. Den morbiden Charme langsam zerfallender, einst stolzer Karossen findet sich nicht mehr – es sei denn, man sucht ihn ganz gezielt so wie Dieter Klein. Der Troisdorfer ist der Großmeister der Schrottplatzfotografie – er setzt ihnen ein Denkmal. Und sich selbst auch.
Wem das Titelbild bekannt vorkommt: Ja, es zierte bereits einen von zwei Bildbänden unter dem Titel „The Fabulous Emotion“, die Klein im Eigenverlag herausgegeben hat. Jetzt hat sich der renommierte Verlag teNeues seinem Bilderberg angenommen und eine Art erweitertes „Best of“ von Dieter Klein herausgebracht. Herausgekommen ist ein Sehnsuchtsbuch für alle, die Maschinen und Motoren am liebsten ohne Menschen genießen, denn die sucht man auf den 210 großformatigen wie großartig bedruckten Seiten vergebens.

Stunden aufs richtige Licht warten
Klein versteht es, seine längst erstarrten Motive kunstvoll in Szene zu setzen, ohne dass es künstlich wirkt. Für den einen Augenblick mit dem richtigen Licht wartet er oft Stunden, bis etwa auf dem Titelbild die Wolken das Pink des Autos annehmen. Oder der Himmel über Kalifornien scheinbar dem Blau des auf Reifen wie auf Trauerkränzen aufgebahrten VW Bulli nachzueifern versucht. Auf manchen Bildern muss man die Autos suchen, sind sie nur noch zu erahnen als Teil einer wuchernden Vegetation.

Kein großer Autonarr
Dieter Klein ist nach eigenen Worten kein großer Autonarr. „Ich brauche ein Auto, das zuverlässig ist und fährt“, sagte der Troisdorfer eher nüchtern.Bekannt geworden ist er mit seinem Buchprojekt „Forest Punk“, dessen erster Band 2013 die Magie verwunschen erscheinender Schrottplätze in Europa zeigte. Unter der Adresse forestpunk.de informierter über seine Arbeit.
Zum Fotografieren von Autowracks kam Klein 2008 eher zufällig im Frankreichurlaub beim Anblick eines jahrzehnte alten Citroën-Lastwagens, in den ein Holunderbusch ein gewachsen war. Das Bild des armdicken Astes, der sich durch das Lenkrad rankte, ließ ihn fortan nicht mehr los. Bald führte ihn seine Suche nach stilvollen Zeugen einer längst vergangenen automobilen Blütezeit in die Vereinigten Staaten, zuletzt fotografierte er in Schweden. Die Bilder aus Skandinavien gehören zu den unveröffentlichten in „Lost Wheels“(39 Euro).

42.000 Kilometer in 20 Wochen
Allein für „The Fabulous Emotion“ reiste der 63-Jährige 20 Wochen und 42.000 Kilometer kreuz und quer durch 39 US-Bundesstaaten. Oft führten ihn seine Bilder selbst zu unentdeckten Abstellplätzen abseits der Straße auf Privatgrundstücken, wenn er mit Postkartenfotos seiner Motive Bewohner nach „vergessenen Rädern“ fragt.

Wo die Zeit stillsteht
Den tief im Gras ruhenden Amischlitten im Pink der Rock’n’Roll-Zeit fand er ganz zufällig am Ende der US-Welt in Montana, fast schon in Kanada. Eigentlich wollte er auf dem Weg zum Motel nur zwei alte Farmsilos an einer stillgelegten Bahnlinie inspizieren. Nur sieben Häuser im Ort, da hatte Klein schnell den Besitzer ausfindig gemacht. Dessen Vater hatte zwei Tage vor seinem Tod den damals bereits 17 Jahre alten Dodge vor seinem Haus geparkt. Die Familie ließ alles unverändert, und so steht hier die Zeit still. Seit 1977.